Schema Ellenbogendysplasie
Ellenbogendysplasie beim Hund - ein neues Schema!
Quelle: Elbow dysplasia in dogs - a new scheme explained
Matthew J. Pead, BVETMED, PHD, CERTSAO, MRCVS and Sue Guthrie, BA, BVETMED, PHD, MRCVS
Ellenbogendysplasie ist inzischen bei vielen Rassen zu einem großen Problem geworden, wobei das Auftreten weltweit an Häufigkeit zunimmt.
Das Problem beginnt im Welpenalter und kann den Hund für den Rest seines Lebens beeinträchtigen. Seit den späten 60er Jahre haben Tierärzte ständig mit lahmenden Hunden zu tun und haben auf das an Häufigkeit zunehmende Auftreten von Problemen in der Wachstumsphase hingewiesen. Die Hüftgelenksdysplasie (HD) war die erste Erkrankung, die in großem Rahmen angegangen wurde, wobei ein Schema herausgearbeitet und etabliert wurde, um dem Problem beizukommen. In neuerer Zeit wurde die Ellenbogendysplasie (ED) in vielen Rassen als Problem identifiziert. Wichtig ist, dass die Häufigkeit weltweit zuzunehmen scheint und obgleich die Erkrankung im Welpenalter beginnt, das ganze Leben des Hundes davon beeinträchtigt ist. Die eigentliche Ursache der Ellenbogendysplasie ist die genetische Disposition des Tieres. Daher kann ein Schema, dass die Tiere auf Anormalitäten im Ellenbogengelenk untersucht und die Tiere mit den besten Ellenbogen für die Zucht auswählt, erfolgreich das Auftreten von Ellenbogendysplasie in einer Population von Hunden reduzieren.
Die Ellenbogendysplasie als Erkrankung
Ellenbogendysplasie beschreibt lediglich die abnorme Entwicklung des Ellenbogengelenks. Der Begriff umfasst eine Anzahl unterschiedlicher Abweichungen, bei denen unterschiedliche Anteile des Gelenkes betroffen sind. Probleme treten auf weil das Wachstum des Knorpels, der die Oberfläche des Gelenkes bildet oder die umgebenden Strukturen beeinträchtigt werden. Diese Abweichungen, die als Primärläsionen bezeichnet werden, lösen dann einen sekundären osteoarthritischen Prozess aus. Die am häufigsten auftretenden Läsionen sind.
- Osteochondrosis dissecans (OCD oder OD) am Condylus medialis humeri, Knorpelabläsung am innen liegenden Rollhöcker des Oberarmknochens
- Fragmentierter oder nicht geschlossener medialer Processus coronoideus ulnae (FCP), dabei ist der innen liegende Kronfortsatz der Elle abgelöst.
- Isolierung des Processus anconaeus (IPA), Ablösung des Ellenbogenfortsatzes der Elle, ein Teil der Elle, der an der Gelenkbildung beteiligt ist, verschmolz nicht mit dem restlichen Anteil der Elle.
Die Untersuchung in verschiedenen Ansichten erlaubt die Beurteilung und Erkennung dieser Abweichungen:
gestreckt seitlich (extended lateral) - gebeugt seitlich (flexed lateral) - von vorne nach hinten (cranio-caudal)
Es gibt noch weitere, seltenere Primärläsionen, die allein oder in vielen Kombinationen auftreten können. Primärläsionen treten während der Wachstumsphasen eines Welpen auf und kommen nahezu immer bis zu einem gewissen Grad auf beiden Seiten vor. Ist der Hund ausgewachsen, können sich die Primärläsionen stabilisieren. Jedoch wenn einmal eine abnormale Entwicklung durch das Vorhandensein der Primärläsionen in Gang gesetzt worden ist, folgen als Konsequenz daraus weitere sekundäre Läsionen. Besondere Bedeutung hat dabei die abnorme Oberfläche des Gelenks und die Osteoarthritis und Arthrose. Diese sekundären Veränderungen sind nicht mehr rückbildungsfähig und stellen ein potentielles Problem im weiteren Leben des Hundes dar.
Das Ellenbogengelenk ist anfällig für diese Erkrankung. Von der Bauart her ist das Ellenbogengelenk ein Scharniergelenk. Die beteilgten Knochen sowie die Knorpeloberflächen, die die beiden Seiten des Gelenkes bilden, sind komplex, die genau aufeinander passen. Das Ellenbogengelenk ist zudem ein höchst bewegliches Gelenk und der Bewegungsablauf der Vorderläufe wird im wesentlichen vom Ellenbogengelenk bestimmt. Eine kleine Abweichung in der Form von einem der beteiligten Knochen kann deshalb schwerwiegende Auswirkungen auf die Funktion des Gelenkes haben, sowie ein kleiner Grat in einem Türscharnier. Sobald die Funktion des Ellenbogens beeinträchtigt ist, ist der Bewegungsablauf der Vorderläufe gestört. Ein zusätzliches Problem bei der Ellenbogendysplasie ist zudem, dass lahmende Hunde nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Bei vielen Hunden verläuft die Erkrankung subklinisch, d.h. ohne offensichtliche Symptome. Sie weisen Primärläsionen auf und arthrotische Veränderungen der Ellenbogen aber lahmen nicht. Glücklicherweise lassen sich diese Hunde durch Röntgenaufnahmen der Ellenbogengelenke herausfinden.
Die Ursachen der Ellenbogendysplasie
Ellenbogendysplasie ist eine multifaktorielle Erkrankung, das heißt, es gibt eine Anzahl von Faktoren, die das Auftreten beeinflussen können. Der einflussreichste Faktor jedoch ist die genetische Ausstattung des Hundes. Andere Faktoren wie Wachstumsgeschwindigkeit, Ernährung und Art und Weise der Belastung können die Schwere der Erkrankung bei einem Hund individuell beeinflussen. Aber sie können nicht die Erkrankung selbst oder die Weitergabe an die Nachkommen verhindern. Studien zeigen jedoch, dass Ellenbogendysplasie einen Grad an Vererbbarkeit aufweist, was bestätigt, dass die Ursache dieser Erkrankung genetisch bedingt ist.
Da in einer Hunderasse bestimmte Anteile des genetischen Materials gemeinsam in allen Hunden vorhanden ist, überrascht es nicht, dass einige Rassen anfälliger sind als andere. Allgemein sind mittelgroße und große Rassen häufiger betroffen als kleine.
Unglücklicherweise wird Ellenbogendysplasie nicht von einem einzigen Gen oder einer einzigen Erbanlage kontrolliert. Sie wird als polygenetisch charakterisiert, was so viel heißt wie, sie wird durch eine Kombination aus vielen Genen kontrolliert. Das kann man sich so vorstellen, dass ein normaler Hund einige dieser Gene aufweist, die Ellenbogendysplasie auslösen können, ein Hund mit subklinischer Ausprägung der Erkrankung hat mehr von diesen Genen, und ein Hund mit Zeichen von Lahmheit weist einen noch höheren Anteil dieser Gene auf.
Je ausgeprägter der Grad an Ellenbogendysplasie bei den Elterntieren, umso wahrscheinlicher ist, dass sie diese Erkrankung an ihre Nachkommen weitergeben (dies sind die Ergebnisse einer Untersuchung an schwedischen Rottweilern.
| ED bei den Elterntieren | Häufigkeit von ED bei den Nachkommen |
| normal x normal | 30 % |
| normal x leichte ED | 43 % |
| normal x mittlere ED | 48 % |
| ED x ED | 56 % |
Hunde mit Ellenbogendysplasie, die lahmen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Bei diesen Tieren ist die Erkrankung aufgrund der Lahmheit offensichtlich. Es gibt jedoch viele Hunde mit Ellenbogendysplasie, bei denen die Erkrankung subklinisch verläuft und die mit hoher Wahrscheinlichkeit Ellenbogendysplasie vererben. Diese Tiere sind nicht ohne weiteres zu erkennen und können nur durch Screeningverfahren herausgefunden werden.
Kontrolle der Ellenbogendysplasie
Da die genetische Ausstattung des Hundes von entscheidender Bedeutung für das Auftreten der Ellenbogendysplasie ist, lässt sich die Erkrankung kontrollieren, indem die problematischen Gene in einer Population kontrolliert werden müssen. Das bedeutet die Rüden und Hündinnen mit der besten genetischen Ausstattung zu selektieren. Hierzu steht kein genetischer Labortest zur Verfügung, wie etwa ein genetischer Daumenabdruck, der anzeigt, welches Tier die beste genetische Ausstattung hinsichtlich der Ellenbogen aufweist. Jedoch können Hunde mittels Röntgenbilder auf Anzeichen von Ellenbogendysplasie untersucht werden.
Wenn nur mit Rüden und Hündinnen mit minimaler Ellenbogendysplasie gezüchtet wird, können die meisten Tiere mit subklinischer ED von der Zucht ausgeschlossen werden. Dies verhindert, dass sie ihr defektes genetisches Material an die nächste Generation weitergeben. Der Erfolg solcher Maßnahmen in einer Population hängt in hohem Maße von der Beteiligung ab und davon, dass die Ergebnisse öffentlich gemacht werden. Dadurch können die Hunde mit geringem Risiko für die Zucht selektiert werden. In anderen Ländern waren Screening Maßnahmen wie diese erfolgreich, das Problem der Ellenbogendysplasie zu verkleinern. Es gibt einen internationalen Standard für ein Schema, aufgestellt von einer internationalen Arbeitsgruppe zur Ellenbogendysplasie (IEWO), die eine Koordination aller Anstrengungen durchführt.
Rassen, die ein vermehrtes Auftreten von Ellenbogendysplasie aufweisen sind:
Bassets, Berner Sennenhunde, Englischer Mastiff, Deutscher Schäferhund, Golden Retriever, Dogge, Irischer Wolfshund, Labrador, Neufundländer, Rottweiler
Das neue Ellenbogendysplasie Schema
Um eine Möglichkeit zur Kontrolle der Ellenbogendysplasie in Großbritannien zu schaffen hat die Vereinigung Englischer Tierärzte und Hundevereine ein Screening Schema eingeführt, dass mit den Richtlinien der IEWO einhergeht. Davor war das einzige Screening Schema von einigen Zuchtvereinen wie dem Verein für Berner Sennenhunde und dem Verein für Blindenhunde durchgeführt worden. Diese hatten Erfolg bei dem Versuch Tiere mit einem hohen Risiko für Ellenbogendysplasie von der Zucht auszuschließen. Das Beurteilungsschema ist einfach.
| Grad der ED | Beurteilung |
| 0 | normal |
| 1 | milde ED |
| 2 | mittlere ED oder Primärläsionen |
| 3 | schwere ED |
Die Beurteilung
Das Schema erfordert drei Röntgenbilder von jedem Ellenbogen, wie anfänglich beschrieben. Diest stellt sicher, dass alle Bereiche des Gelenkes auf Abweichungen untersucht werden können. Abweichungen können mit größerer Sicherheit auf drei Aufnahmen erkannt werden, als wenn nur eine Aufnahme durchgeführt wird. Die Aufnahmen werden von zwei voneinander unabhängigen Untersuchern beurteilt, die auf Primärläsionen wie Osteochondrosis dissecans achten sowie auf die sekundären Zeichen von Osteoarthrose, die bei Ellenbogendysplasie vorkommen. Der Grad wird für jede Seite festgelegt, abhängig vom Vorhandensein von Primärläsionen und der Größe und dem Ausmaß von sekundären Läsionen. Der Gesamtgrad eines Individuums bestimmt sich nach dem höchsten vorhandenen Grad. Die beiden Grade für jedes Ellenbogengelenk werden nicht wie beim Hüftgelenk zusammen gezählt. Das Erkennen der subklinisch erkrankten Hunde und des Grades an jedem Ellenbogen ist beim Screening entscheidend. Die Gesamtbewertung ergibt sich aus der Bewertung der schlechtesten Seite und wird in den Zuchtpapieren dokumentiert.
Der Vorgang der Bewertung und die Dokumentation unterliegen ständiger Beurteilung und können sich im Verlauf ändern ebenso wie die Veröffentlichung von Informationen der am Beurteilungsvorgang und Behandlung der Ellenbogendysplasie beteiligten Personen. Das Schema wird bei Zusammentreffen der IEWG vorgestellt werden, so dass Grossbritannien an den Entwicklungen mithalten kann und an den Bemühungen zum Management der Ellenbogendysplasie Teil hat.
Den Ellenbogen bewerten lassen
Besitzer sollten mit ihrem Tierarzt Kontakt aufnehmen und einen Termin zum Röntgen vereinbaren. Die Röntgenaufnahmen werden gewöhnlich in Narkose oder unter starker Beruhigung durchgeführt. Möglicherweise muss der Hund in der Tierarztpraxis bleiben. Die Untersuchung der Ellenbogen kann zum gleichen Zeitpunkt wie die Untersuchung der Hüftgelenke erfolgen. Bei der Vorführung des Hundes zum Röntgen sollte der Besitzer folgendes beachten:
- der Hund muss wenigstens 1 Jahr alt sein
- die Registrierungspapiere des Hundes sowie alle übertragenen Zertifikate müssen verfügbar sein, so dass die Daten auf die Röntgenbilder übertragen werden können
- der Besitzer muss die Erklärung auf dem Zertifikat unterschreiben um zu bestätigen, dass alle Details korrekt sind und die Genehmigung zur Verwendung der Ergebnisse erteilen.
Wenn die Röntgenbilder erstellt sind, werden die Formulare ausgefüllt und der Tierarzt übermittelt anschließend Bilder und Formulare an die Britische Veterinärbehörde. Das Ergebnis und die Röntgenbilder werden normalerweise innerhalb von 3 Wochen an den Tierarzt zurück gesandt mit einem Zertifikat für den Eigentümer und eine Ausfertigung für den Tierarzt. Wenn ein Hund eine Beurteilung erhalten hat, können keine weiteren Röntgenbilder eingesandt werden. Der Besitzer hat jedoch das Recht auf einen Einspruch, was zu einer Neubewertung der Originalröntgenbilder führt innerhalb von 45 Tagen nach Einspruch gegen die Bewertung. Der ganze Vorgang von der allerersten Vereinbarung bis zur Erteilung des Bewertungsgrades wird vom Tierarzt begleitet.
Kosten
Der Besitzer ist zuständig für die Tierarztkosten für die Röntgenbilder und die Narkose des Hundes sowie für die Kosten für de Beurteilung durch die Britische Veterinärbehörde.
Empfehlung für die Zucht
Der Gesamtbewertungsgrad wird international als Basis für die Zucht herangezogen. Züchtern wird empfohlen Hunde für die Zucht auszuwählen mit einer Beurteilung von 0 oder 1 um das Risiko für ED in der Nachkommenschaft zu reduzieren. Da Ellenbogendysplasie eine vorhandene Erkrankung darstellt, besonders bei den aufgeführten Rassen, werden sich die Auswirkungen dieser Maßnahmen nur wirksam zeigen, wenn sie über eine Reihe von Generationen beibehalten werden. Vielen Züchtern fällt es schwer zu akzeptieren, dass eine Reihe von Hunden, die niemals lahmten und gute Leistungen zeigten, hohe Bewertungsgrade erreichen. Dies trifft auf die subklinischen Ausprägungsgrade zu, wobei diese Hunde die Veranlagung an ihre Nachkommen weitergeben. Um langfristige Kontrolle zu erreichen, müssen diese Hunde von der Zucht ausgeschlossen werden.
Behandlung der Ellenbogendysplasie
Hunde, die klinische Anzeichen einer Ellenbogendysplasie aufweisen, lahmen häufig im Alter zwischen sechs und zwölf Monaten. Anfänglich kann es schwierig sein, das Lahmen einem bestimmten Gelenk zuzuordnen. Jedoch in diesem Alter sollte eine anhaltende Lahmheit von einem Fachtierarzt für Chirurgie untersucht werden. Es gibt auch andere Störungen, die zu ähnlichen Symptomen führt wie die Ellenbogendysplasie, was der Tierarzt auch berücksichtigen muss.
Die Diagnose einer Ellenbogendysplasie wird normalerweise gestellt bei einer Lahmheit der Vorderbeine mit Schmerzen beim Beugen oder Strecken des Ellenbogens. Möglicherweise hat das Tier einen steifen Bewegungsablauf der Vorderläufe, da häufig beide Ellenbogengelenke betroffen sind. Die Diagnose wird bestätigt wenn sich primäre oder sekundäre Läsionen im Röntgenbild finden.
Die Behandlungsmethoden hängen stark von der Art und Schwere des Problems ab. Konservative Behandlung beinhaltet die Vermeidung von Übergewicht, die Einschränkung der Belastungen ist ebenso wichtig. Medikamente können eingesetzt werden um Schmerz und Entzündung zu reduzieren, die mit den Veränderungen verbunden sind und Reparaturvorgänge innerhalb des Gelenks zu fördern. Bei einigen Hunden kann eine Operation erforderlich sein um Knorpelstücke und Knochenteile vom Gelenks zu entfernen, aber das ist nicht immer erforderlich. In fast allen Fällen kommt es zu sekundären Veränderungen, die lebenslange Probleme am Gelenk verursachen. Diese schränken die Belastbarkeit des Hundes ein. In den meisten Fällen kommen die Hunde aber mit leichter Belastung gut zurecht, wenn sie im Alter zwischen 6 und 18 Monaten sorgsam behandelt werden.
Im April 1997 fand eine gemeinsame Veranstaltung von Tierärzten und Veterinärbehörden statt mit dem Thema "Erbkrankheiten bei Hunden, was kann getan werden?", wo eine Präsentation über Ellenbogendysplasie stattfand. Dabei wurden neun Dokumente zusammen gestellt, die erhältlich sind bei BVA, AWF, 7 Mansfield Street, London WIG 9NQ, £12.50.



